„Du siehst ja nur das Negative…“

Schlimm! Der Negativitätsbias

Kennst du das, dass du 10 positive Rückmeldungen, 10 mal Lob bekommst und eine negative, eine Kritik. Und an was du dich am meisten, längsten und intensivsten erinnerst, ist die negative Rückmeldung, die Kritik?

Kennst du es, dass bei einem Vortrag, einer Prüfung, einer Präsentation alles gut läuft bis auf einen Versprecher, eine Folie, auf der das Design verrutscht ist, Unsicherheit? Und was dir im Gedächtnis bleibt, ist dieser „Fehler“?

Damit bist du nicht alleine.

Was hier zuschlägt, könnte der „Negativitätsbias“ sein.

Der Negativitätsbias bezeichnet das Phänomen, dass negative Erlebnisse, Gedanken und Gefühle sich stärker auf unsere Psyche auswirken als neutrale oder positive.

Unsere Aufmerksamkeit richtet sich eher auf Negatives und wir werden stärker davon beeinflusst als von positiven Ereignissen. Auch negative Nachrichten werden intensiver aufgenommen als positive.

Diese Verzerrung ist sehr sinnvoll, wenn es ums Überleben geht. Für das Überleben (zumindest für unsere Vorfahren) war es nicht so wichtig, die positiven Aspekte des Lebens zu sehen. Hingehen war es enorm wichtig, Gefahrensituationen zu meiden und potentiell bedrohlichen Situationen aus dem Weg zu gehen. Das „Negative“ wahrzunehmen. Wer das nicht konnte, ist nicht unser Vorfahr geworden.

Das ist also entwicklungsgeschichtlich ein sehr sinnvolles Phänomen und es kann nach wie vor für uns hilfreich sein. Auf jeden Fall, wenn es ums Überleben geht, aber auch, wenn es darum geht, die Welt zu einem sichereren Ort zu machen. Dazu später mehr.

Nun müssen wir uns allerdings garnicht mehr permanent im Überlebensmodus befinden und könnten uns deshalb den Luxus gönnen, auch Positives wahrzunehmen. Dass das möglich ist, liegt an der enormen Fähigkeit unseres Gehirns und Nervensystems, zu lernen und sich an neue Umstände anzupassen. (Die Anpassungsfähigkeit des Gehirns wird übrigens auch „Neuroplastizität“ genannt.)

Gehirnstruktur Neuronen

Jetzt kommt allerdings ein ganz großes, wichtiges ABER. Denn um das zu machen, um umzulernen und den Fokus mehr auf positive Dinge zu richten, sollte das Nervensystem nicht in einem Überlebensmodus sein.

Warum nicht: Wenn das Nervensystem im Überlebensmodus ist, dann ist es ziemlich egal, ob ich heute einen schönen Schmetterling gesehen habe. Falls ich mich dazu zwinge, dann spalte ich einen Teil von mir ab. Und zwar den Teil, der sich ums Überleben kümmern möchte und dem noch viele viele Zwischenschritte fehlen, um zu erkennen, dass die Welt auch ein ganz schöner Ort ist. Wenn wir die Zwischenschritte auslassen, dann geht etwas von unserer Lebendigkeit verloren. Weil wir einen Teil von uns abspalten.

Nicht falsch verstehen: Ich verurteile es nicht, wenn jemand das machen möchte. Es gibt hier nichts zu verurteilen, es gibt nur individuelle Wege. Wenn du dich dafür entscheidest, jetzt positiv zu sein um den Preis, dass ein Teil abgespalten wird, dann wird auch das eine Erfahrung sein, die dich weiterbringen kann auf deinem ganz eigenen Weg. Ich finde es allerdings hilfreich, wenn uns bewusst ist, was wir da genau machen. Damit wir nicht am Ende aus allen Wolken fallen, weil das partout nicht klappt. Denn wir können uns noch so viele positive Affirmationen geben, wenn wir unser Nervensystem nicht mit im Boot haben, dann wird uns das irgendwann einholen. Dann wird es nicht „funktionieren“. Und schlimmstenfalls finden wir uns dann „unzureichend“.

Das heißt, dass der erste Schritt ist, dass wir „alle Teile mit ins Boot holen“, dass wir vor allem darauf schauen, in welchem Zustand sich unser Nervensystem befindet. Fühlen wir uns sicher genug, um den „Überlebensmodus“ zu verlassen? Oder brauchen wir dafür eventuell noch etwas Zeit oder Unterstützung?

Und wir schauen, wofür es wichtig ist, die Aufmerksamkeit auf negative Erlebnisse zu richten. Und was davon wir behalten möchten. Und es kann mehrere Gründe geben, warum wir davon etwas behalten möchten.

Zu überleben ist einer davon. Alles aufzusaugen, was mit einer bedrohlichen Situation zu tun hat, das hat unseren Vorfahren das Überleben gesichert! Aber wir haben alle (mehr oder weniger) in der Zeit seit März gemerkt, dass unsere Kapazität auch irgendwann erreicht ist. Und dass es manchmal auch gut sein kann, nicht alle Nachrichten mitzubekommen, die mit Covid-19 zu tun haben. Und auch hier: Dann ist es wichtig, zu schauen, was davon ich behalten möchte, um die wichtigen Informationen mitzubekommen – und gleichzeitig aber (einigermaßen) gut reguliert zu bleiben. Und dazu ist es eine gute Idee, irgendwann einen Nachrichten-Stopp zu machen. Denn wenn ich mich um diese Regulierung nicht kümmere, werde ich Auswege suchen, die nicht selten in einer starken Form von Abspaltung enden. Oder ich suche in meiner Hilflosigkeit einen Guru, dem ich dann blind vertraue. Weil ich selbst keine Kapazität mehr habe, für die Unsicherheiten, die Bedrohung.

Ein anderer Grund ist, dass der Blick auf das Negative auch wichtig sein kann, um genau dieses Negative zu verändern. Das Leid auf der Welt, in meiner Umgebung, zu sehen und fühlen, bewusst zu machen, kann ein starker Antrieb sein, auch etwas zu tun. Wirksam zu werden. Zu handeln. Hier kommt es dann auf eine gute Balance an und eine gute Regulation des Nervensystems. Denn ich kann nicht auf gute Weise handeln, wenn ich im Überlebensmodus bin.

Langsamkeit durch eine Schildkröte ausgedrückt

Und zum Schluss noch ein Hinweis, der mir wirklich am Herzen liegt: Wirkliche Veränderung, die das Nervensystem und die Bahnen im Gehirn verändert, braucht Zeit! Die Gedanken sind so schnell, preschen so schnell vor. Das Nervensystem, der Körper ist im Vergleich so viel langsamer.

Wenn wir uns vollständig und lebendig „mitnehmen“ möchten auf dieser Veränderungsreise, dann ist das wie bei jeder Reise: Man muss sich am Langsamsten orientieren. Sonst verliert man diesen irgendwann. Und – auch wie bei einer Reise – es wird leichter, wenn man sich eine geeignete Unterstützung, Begleitung dazuholt. Und wenn man steckenbleibt – eine_n Reiseführer_in.

Übrigens: Diese Veränderungsreise läuft nicht geradlinig. Es schadet nicht, eine Riesenportion Verständnis und Mitgefühl für sich und seine „alten“ Verhaltens- und Denkweisen einzupacken und mitzunehmen auf die Reise. Sie werden dir vermutlich immer mal wieder begegnen.

Ich freue mich, deine Gedanken, deine Fragen, deine Anmerkungen zu dem Thema zu hören! Du kannst mir gern eine Mail schreiben, oder einen Kommentar dazu hier unten. Falls du auf Instagram bist, findest du mich dort unter @sandra_auf_erkundungstour. Meine Facebookseite findest du hier. Und falls du meinen Newsletter abonnieren möchtest, kannst du das hier gern tun.

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